Mein Buch

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MEIN BUCH

Ich flog etwa 5 Meter weit durch die Luft und kann mich noch heute genau daran erinnern. Denn immerhin war dieser Flug der Auslöser für meine Lesewut. Als ich nach meinem Fahrradunfall 4 Wochen lang das Bett hüten musste, versorgten mich meine Eltern, in immer schnellerem Rhythmus, mit Büchern gegen die Langeweile. Und als ich dann wieder aufstehen durfte, konnte ich mit dem Lesen nicht mehr aufhören. 12 Jahre alt war ich damals.
Mit 15 beschloss ich, einen eigenen Roman zu schreiben. Nach 180 Seiten sprach mein Vater jedoch ein Machtwort und ich musste aufhören. Meine Versetzung wäre sonst gefährdet gewesen …
Über all die Jahre blieb dieser Wunsch in mir bestehen. Und nun liegt es vor, das Ergebnis: „.“

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Was „Paradise to go“ mit Wiener Schnitzel zu tun hat

Das Buch wurde zu großen Teilen im Südschwarzwald und in New York geschrieben, Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Auf der einen Seite Strittberg: fantastischer Panoramablick auf die Schweizer Alpen, fantastische Luft, ein paar Bauernhöfe, ein Landgasthaus, ein paar Wohn- und Ferienhäuser. Ein beschauliches, in meinem Fall auch ein einsames Leben. Denn ich war zum Arbeiten hergekommen, bekam nur am Wochenende Besuch von meiner Liebsten.
So jedenfalls war es geplant. Dass ich während meiner Arbeit dann doch nicht so einsam war, verdanke ich Olga. Ich weiß nicht, ob sie wirklich Olga hieß, ist ja auch egal, für mich jedenfalls war sie es von Anfang an, nachdem ich mich zum ersten Mal bewusster mit ihr unterhalten hatte.  Der Name stellte sich einfach so ein. Meine Olga war eine Kuh.
An meinem ersten Tag legte ich um 10 Uhr, nach 3 Stunden Arbeit, die erste Pause ein, um nach draußen zu gehen und mich vom Sitzen zu erholen. Das lange Sitzen ist für mich immer das Schwierigste beim Schreiben. Mein Weg führte mich an einer  Kuhweide vorbei. Die einzige unter den weidenden Kühen, deren Aufmerksamkeit mir erhalten blieb – nachdem die anderen nach einem relativ kurzen Mich-Bestaunen desinteressiert weitergrasten -, war Olga. Wir waren nur durch einen Elektrozaun getrennt. Ich sprach sie an, leise, vertraulich, erkundigte mich nach der Qualität des Grases und erzählte ihr von meinem Frühstück und von meinem Buchprojekt. Und sie – hörte mir zu.
Unsere nächsten Begegnungen verliefen nach dem gleichen Muster: Ich blieb am Zaun stehen, eine Kuh löste sich von den anderen und kam auf mich zu. Bis der Tag kam, an dem sie mich bereits am Zaun stehend erwartete. Hatte sie eine eingebaute innere Uhr? Ich war zwar immer um die gleiche Zeit unterwegs – aber wie konnte sie wissen, wann 10 Uhr war? Und wie lange die Stunde dauerte, bis ich zurückkam?
Olga. Sie hatte die ausdrucksstärksten Augen, die man sich vorstellen kann, sanft, rund, in ihnen lag das Verständnis der ganzen Welt. Ich konnte noch so aufgewühlt sein, tauchte ich in sie hinein, wurde es ruhig in mir, heiter und ausgeglichen. Und wenn ich mich zuvor in irgendwelchen gedanklichen Wolkengebilden verloren hatte – sie brachte mich wieder auf den Boden zurück …
Als ich für einige Zeit verreisen musste, verabschiedete ich mich vorher von ihr. Ich wusste, sie würde mir fehlen. Mittlerweile war ich mit ihrer Physiognomie und ihren ganz eigenen Bewegungen so vertraut, dass ich sie unter Tausenden anderer Kühe mühelos sofort herausgefunden hätte. Und früher hatte ich mal gedacht, alle Kühe sähen gleich aus … Als ich zurückkehrte, führte mich gleich am nächsten Morgen mein erster Weg zu ihr. Und wir nahmen unser Ritual da wieder auf, wo wir es unterbrochen hatten.
Danach war ich ziemlich lange fort. Fast ein ganzes Jahr. Als ich wiederkam, gab es zwar die Weide noch und da waren auch Kühe, aber meine Olga fehlte. Abends ging ich in den Landgasthof Adler und überlegte, ob ich Frau Ebner nach Olgas Verbleib fragen sollte. Aber wollte ich es wirklich so genau wissen? Und dann fiel mir ein, dass ich mir gestern abend –  nach der langen Fahrt und froh, dass der Gasthof noch geöffnet hatte -, zur Feier meiner Ankunft ein Wiener Schnitzel bestellt und es auch voller Behagen gegessen hatte. Es war vom Kalb gewesen.
Können Sie verstehen, dass sich seitdem mein Fleischkonsum drastisch reduziert hat – und dass mich jedes Mal, wenn ich auf einer Speisekarte „Wiener Schnitzel“ entdecke, eine leise Wehmut beschleicht?
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Und auf der anderen Seite New York. Greenwich Village. Genau gegenüber dem Haus, in dem ich immer wohne, befindet sich eine alte Künstlerkneipe: The „White Horse Tavern“. Es gibt sie schon seit 1880, und in ihr gingen vor allem junge Literaten ein und aus. Sie war auch die Stammkneipe von Dylan Thomas gewesen, dem wortgewaltigen irischen Dichter, der hier nach seinem 18. Whiskey zum letzten Mal ächzend von seinem Hocker fiel. Sein Under the milkwood – ‚Unter dem Milchwald‘ hatte mich seinerzeit als Jugendlicher ungeheuer beeindruckt. Seit ein paar Jahren zähle ich einen Mann zu meinen Freunden, der als herausragender Übersetzer von Dylan Thomas‘ Werk gilt. Und so greift eben alles immer irgendwie ineinander.
Früher ging mein erster Blick immer nach links, wenn ich das Haus verließ. Denn dort sah ich das World Trade Center. Unvergessen der Anblick in der klaren New Yorker Morgenluft mit dem unnachahmlich blauen Himmel darüber; oder abends, wenn die Nacht hereinbrach und es sich lichterfunkelnd vom rötlich leuchtenden Horizont abhob. Heute wende ich meine Schritte immer sofort nach rechts und gehe von dort aus Richtung Bleecker Street – oder wohin auch immer …
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