Dem Hochstapler Felix Krull sei Dank

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Regentropfen2+~+

DEM HOCHSTAPLER FELIX KRULL SEI DANK.

 

Es hat vielleicht den Anschein, aber es ist nicht so: Nein, die Gedichte und Sätze, die ich in meinem „Schatzkästchen“ festgehalten habe, sind keine romantische Spielerei, sondern sie alle haben einen direkten Bezug zu meinem Leben.
Das Gedicht von Vicky Gates zum Beispiel. Vicky war das entzückendste Gretchen in meiner Washingtoner Faust-Aufführung, das man sich nur vorstellen kann. Ihr Spiel hat mich sehr berührt. Wann immer ich es lese, wird diese Washingtoner Zeit für mich wieder lebendig.
Oder das Gedicht von Heine: Lehn deine Wang an meine Wang … Es war der Vorspann zu einer meiner schönsten Liebesnächte …
Oder aber die Zeilen von Thomas Mann: Wie schön der Mensch auch sei, wie geputzt und blank, bleibt er innen doch nur, Gekrös und Gestank. Man findet sie in seinem Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“.

Und schon wandern meine Gedanken zurück in die Zeit, als ich zur Musterung erscheinen sollte. Ja, ja, in grauer Vorzeit gab es tatsächlich noch eine allgemeine Wehrpflicht (bis 2011), und ab einem gewissen Alter mussten die jungen Männer anrücken, um sich auf ihre gesundheitliche Tauglichkeit hin untersuchen zu lassen. Viele versuchten der Einberufung zu entgehen, indem sie nach Berlin übersiedelten (bis 1989) oder aber, wenn das nicht möglich war, schluckten sie irgendwelche Pillen oder andere Chemikalien und versuchten verzweifelt, die schlimmsten Krankheiten zu simulieren, um bei den Gesundheitstests so miserabel wie möglich abzuschneiden.

Im Hochstapler Felix Krull wird eine Musterung beschrieben, die ganz anders abläuft. Da versucht Felix nicht etwa, sich vor dem Militär zu drücken, nein, ganz im Gegenteil: er tut alles, um die ihn überprüfenden Militärärzte von seiner Tauglichkeit zu überzeugen. Und die, davon ausgehend, dass diese jungen Burschen allesamt Simulanten sind, staunen nicht schlecht, dass da einer verrückt genug ist, tatsächlich zum Militär zu wollen. Das kommt ihnen ganz und gar ungeheuerlich vor. So einer muss doch eine voll ausgewachsene Meise haben. Und für Verrückte, nein, dafür haben sie beim Kommis keine Verwendung!

Diese Szene hatte ich wieder und wieder gelesen. Geradezu eine Gebrauchsanleitung war das. Da ich neuerdings (nach Ablauf meiner Seemannsphase) Schauspieler werden wollte, betrachtete ich die Musterung als eine gute Gelegenheit, meine Begabung unter Beweis zu stellen. Als es dann so weit war, hatte ich vor meinem Auftritt Lampenfieber wie später bei eigentlich jeder Premiere.

An einige Szenen kann ich mich noch heute sehr deutlich erinnern.

Ich trat auf wie einer, der endlich dort angekommen ist, wo er hingehört. Das Militär, ja, das war meine Welt. Alles, was ich tun sollte, erledigte ich übereifrig, bemüht, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Ich erzählte allen, dass man mir die Note 1 geben müsse, denn ich wolle düsenfliegen. Als die Körpergröße gemessen wurde, stieß ich mit dem Kopf immer wieder nach oben, um mich größer zu machen; und als man mich für die Urinprobe mit einem Glasröhrchen auf die Toilette schickte, kam ich nicht mehr zurück. Als sie nach einiger Zeit an die Tür pochten, um nach mir zu sehen, öffnete ich sie schließlich schluchzend und total aufgelöst. „Da kommt einfach nichts!“ Man spendierte mir nach einigem Zögern – ich hatte kein Geld dabei – ein Getränk in der Kantine, um endlich weitermachen zu können. Aber auch danach war ich kaum imstande, die Mindestmenge zu produzieren. Zu guter Letzt aber, als das geschafft war, spazierte ich stolz wie Bolle an den in einer langen Reihe hängenden gefüllten Urinröhrchen vorbei und schubste das erste mit dem Finger an. Es gab eine dumpf klackende Kettenreaktion – und man schmiss mich sofort raus. Völlig humorlos, die Leute.

Ich erinnere mich an den Arzt, der mich nach Krankheiten in der Familie befragte. Natürlich waren bei uns alle kerngesund. Und auch ihm erzählte ich, dass ich düsenfliegen und schießen müsse, um ein echter Mann zu werden. Der Seh- und Hörtest, den er mit mir machte, verlief wirklich ähnlich wie bei Thomas Mann. Auf einem Ohr hörte ich prächtig, nur mit dem anderen gab es leider Probleme. Er musste schon ziemlich laut zischen, bis ich überhaupt reagierte, um dann irgendeine beliebige Zahl zu nennen. Manchmal nannte ich auch schon eine Zahl, obwohl er noch gar nichts geflüstert hatte. Mit den Augen verhielt es sich ähnlich. Der Doktor machte daraufhin ein ausgesprochen bedenkliches Gesicht. Als er mich danach noch einmal nach irgendwelchen familienspezifischen Krankheiten befragte, war ich innerlich bereits so aufgeputscht, dass es jetzt nur so aus mir heraussprudelte: Der Vater, ein Trinker, die Mutter, hysterisch, die ganze Familie, ein Chaoshaufen (Papa und Mutti, noch einmal Verzeihung, Ihr wart wirklich die besten Eltern der Welt). Deshalb sei es ja so wichtig, dass ich schießen lerne, um ein richtiger Mann zu werden. Jaja, Schwindsucht hätte es auch schon in der Familie mütterlicherseits gegeben … Den mitleidigen Blick des Mannes, als er mich in den nächsten Raum abschob, werde ich nie vergessen.

Im letzten Raum sollte ich Kniebeugen und Liegestützen machen. Inzwischen war ich so in meiner Rolle drin, dass ich in eine regelrechte Ekstase geriet. So viele Liegestützen hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gemacht, alles, um zu beweisen, was für ein toller Kerl ich sei und deshalb düsenfliegen und schießen müsse. Schließlich brach ich regelrecht zusammen und kollabierte, nachdem mir der verblüffte Doktor wieder auf die Beine geholfen hatte, über seinem Schreibtisch. Ich räumte ihn komplett ab, alles was sich darauf befunden hatte, polterte zu Boden. Danach umklammerte ich seine Knie (wie einst Don Carlos die Knie des Marquis Posa) und rief unter Tränen, ich müsse ein Mann werden, das meine auch mein Psychiater, und das ginge nur beim Militär.

„Ihr Psychiater?“

Ich korrigierte mich sofort, aber es war zu spät. Und so gestand ich ihm, zitternd und zähneklappernd und schluchzend, dass ich in psychiatrischer Behandlung sei. Der Doktor hatte es mit einem Mal ausgesprochen eilig, mich loszuwerden. Er hatte mich schon halb zur Tür hinausgeschoben, als ich meinen letzten Trumpf ausspielte und wie von Sinnen schrie: „Sie müssen mich nehmen, sonst bringe ich mich um!“

Meinem Psychiater hatte ich zuvor erklärt, dass, wenn sie mich tatsächlich einzögen, das mein Ende bedeuten würde.

Man hat noch nicht einmal bei ihm nachgefragt. Ich wurde sang- und klanglos ausgemustert. Nur im Ernstfall für Küchen- und Hilfsdienste verwendbar. Noch einmal gingen die Gäule mit mir durch, als ich den Bescheid in Händen hielt. „Die Schweine, sie nehmen mich nicht, sie geben mir keine Chance!“ heulte ich auf.
Mein Freund stieß mich in die Seite. „Nun komm aber mal wieder runter, du Spinner. Das ist doch genau das, was du wolltest, wofür du das ganze Theater veranstaltet hast.“

Natürlich hatte er recht. Und ab da brauchte ich auch keinen Psychoheini mehr …

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch Hemingway erwähnen. Sein Und er versuchte, die Wahrheit zu kotzen, doch in seinem trockenen Munde war nichts drin. Er sabberte und fing an zu rotzen, und die Wahrheit lief ihm übers Kinn.
Das habe ich einmal meinem lieben Psychodoktor vorgespielt, nachdem ich ihm einen Vortrag über Hemingway gehalten hatte. Meine Darbietung muss wohl ziemlich drastisch gewesen sein, denn er sah im Gesicht blaß und leicht grünlich aus, als er die Sitzung abbrach und mich verabschiedete. Zur nächsten Sitzung habe ich ihm dann Zigaretten mitgebracht, weil ich ihm seine ja immer weggeraucht hatte, und habe mich bei ihm entschuldigt. Er war wirklich ein netter Mann.

Warum erzähle ich Euch das alles? Um Euch auch den praktischen Nutzen von Literatur vor Augen zu führen. Ich wollte nicht zum Militär (ein überzeugter Pazifist bin ich heute mehr denn je), und dazu brauchte ich keine Pillen, um mich damit halb zu vergiften, sondern es kam allein auf den psychologischen Dreh an. Den lieferte mir Thomas Mann.

Und noch einmal Hemingway: Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben. Aus „Der alte Mann und das Meer“. Daran dachte ich in letzter Zeit ziemlich oft, als ich mir unsicher war, ob ich mit meiner Schreiberei weitermachen sollte …

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